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Weihnachten…

  • Autorenbild: Ingo Popp
    Ingo Popp
  • 21. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Dez. 2025

Das Fest der Liebe und der kleinen Nervenzusammenbrüche. Es beginnt jedes Jahr ganz harmlos. Irgendwann Mitte November. Ein dezenter Gedanke schleicht sich ein: “Dieses Jahr machen wir es ganz entspannt”.


Ein Satz, der in etwa so realistisch ist wie “Ich esse nur ein Plätzchen” oder “Wir schenken uns nichts”. Plötzlich ist Weihnachten da. Nicht langsam. Nicht liebevoll. Sondern mit Anlauf. Aggressive Weihnachtsmusik im Radio und in jedem Geschäft und eine To-do-Liste, die länger ist als die Warteschlange an der Supermarktkasse am 23. Dezember um 18:57 Uhr.


WAVE BEACH Winter
WAVE BEACH Winter

Kaufen. Rennen. Schwitzen.

Geschenke aussuchen und kaufen zum Beispiel. Für Menschen, die alles haben, nichts brauchen oder nicht sagen, was sie wollen. Geschenke kaufen ist kein Einkauf im herkömmlichen Sinn. Es ist ein psychologischer Belastungstest. Man irrt durch Geschäfte, klickt sich durch Online-Shops und fragt sich irgendwann ernsthaft, ob man mit einer Duftkerze wirklich noch jemanden überraschen kann – oder ob sie inzwischen einfach nur das offizielle Symbol der Ideenlosigkeit ist.


Und dann diese eine Person in der Familie, die immer “Bitte nichts schenken” sagt. Natürlich schenkt man trotzdem etwas. Natürlich ist es falsch. Natürlich lächelt sie gequält und sagt: “Ach… das wäre doch nicht nötig gewesen”. Manchmal hört man auch: “Es geht ja nicht ums Geld”. Natürlich geht’s auch ums Geld. Und um die Frage, ob 20 Euro zu wenig, 30 Euro schon übertrieben und 25 Euro verdächtig unkreativ wirken.


Backen bis zur Selbstaufgabe

Backen gehört auch dazu – ist halt so. Plätzchen, Lebkuchen, Stollen – am besten selbst gemacht. Sonst ist es emotional offenbar ungültig. Man steht in der Küche, überall Mehl, Zucker, Butter und Eigelb. Die Nerven liegen blank. Das Rezept ist ja “ganz einfach”. Das Ergebnis sieht dennoch aus wie ein Bastelprojekt aus der Grundschule. Das dritte Blech verbrennt, das erste war schon steinhart und irgendwo fragt jemand: “Sind die glutenfrei?” Nein – sind sie nicht. Aber sie sind mit Liebe gemacht – und mit einer leichten Prise innerem Zusammenbruch.


Kochen für ein ganzes Dorf

Am Heiligabend wird dann gekocht. Für gefühlt zwölf Personen, obwohl nur sieben kommen.
 Man könnte ja zu wenig haben. Oder jemand merkt, dass das Essen nicht reicht. Oder – Gott bewahre – jemand ist noch hungrig. Währenddessen sitzt der Rest der Familie im Wohnzimmer und diskutiert, welcher Baum schöner ist, warum früher alles besser war und wer schuld ist, dass der Braten noch nicht fertig ist… Spoiler: Du.


Putzen. Dekorieren. Perfektionieren.

Natürlich muss dann noch geputzt werden. Nicht normal geputzt. Weihnachtsgeputzt. Fenster, die das ganze Jahr niemand anschaut, müssen plötzlich streifenfrei sein. Ecken werden sauber gemacht, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren. Alles für Gäste, die später sagen: “Bei euch ist es ja gemütlich”. Gemütlich. Ein Wort, das immer wieder entsteht, wenn jemand anderes vorher die Nerven verloren hat.


WAVE BEACH Winter
WAVE BEACH Winter

Das Drama um den Baum

Dann der Weihnachtsbaum. Zu groß. Zu klein. Zu schief. Zu wenig Nadeln. Zu viele Nadeln – auf dem Boden, im Teppich, in der Socke. Das Schmücken endet traditionell in einer Grundsatzdiskussion: “Früher war mehr Lametta”. “Der Stern war letztes Jahr mittiger”. War er nicht. Aber gut. Weihnachten ohne Streit über den Baum ist wie Glühwein ohne Kopfschmerzen: theoretisch möglich, praktisch unbekannt.


Die Emotionen der Familie

Und dann sind sie da. Alle. Mit ihren Meinungen. Ihren Erwartungen. Ihren alten Geschichten. Man spricht über Dinge, die man sonst vermeidet: Politik. Erziehung. Lebensentscheidungen. Irgendjemand fühlt sich immer angegriffen. Irgendjemand sagt: “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”. Und irgendwo fällt ein Glas um. Besinnlichkeit? Kurz im Nebenraum. Vielleicht.


Falsche Geschenke und gespielte Freude

Schöne Bescherung… die Geschenke werden ausgepackt. Man erkennt sofort, wer sich Mühe gegeben hat und wer am 23. Dezember um 22:15 Uhr noch an der Tankstelle war. Alle lächeln und alle sagen “Ohhh” und “Wie schön”. Oder denken: “Was mache ich damit?” “Kennst du mich überhaupt?” Weihnachten ist manchmal ein Meisterkurs in freundlicher Heuchelei mit Geschenkband. Weihnachten ist das einzige Fest, an dem ehrliche Gefühle als unhöflich gelten.


Und irgendwo dazwischen… war da noch was

Irgendwann, spät am Abend, wenn es ruhiger wird, wenn der Baum leuchtet, wenn das Chaos kurz Pause macht – dann merkt man: Eigentlich sollte es um etwas anderes gehen. Nicht um Perfektion. Nicht um Konsum. Nicht um Stress. Sondern um Nähe. Um Zeit. Um ein Innehalten.
 Um das, was Weihnachten ursprünglich einmal war – egal, ob man es religiös sieht oder einfach menschlich.


WAVE BEACH Winter
WAVE BEACH Winter

Vielleicht geht es nicht darum, alles richtig zu machen. Sondern darum, nicht alles so ernst zu nehmen. Vielleicht darf Weihnachten auch schief sein. Unorganisiert, unordentlich aber ehrlich. Vielleicht ist Weihnachten gar nicht dann gelungen, wenn alles perfekt ist, sondern wenn wir für einen Moment aufhören, uns selbst zu überfordern.


Und vielleicht ist der größte Weihnachtswunsch gar nicht “Frieden auf Erden”, sondern einfach: Einmal Weihnachten ohne Chaos – und mit echtem, fröhlichen Lachen.


Frohe Weihachten



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